Einige Öl-Broker, die früher einmal Champagner tranken
Aus der New York Times vom11. Oktober 1885
„Ja” sagte ein Ölhändler aus der Beaver-Straße, während er sich in seinem Bürostuhl zurücklehnte. „Die guten alten Zeiten der Ölspekulation sind vorüber; die Tage an denen der Markt 20 oder 30 Cents pro Barrel innerhalb von wenigen Minuten gestiegen oder gefallen ist. Ich befürchte diese Zeiten sind für allemal vorüber“. Der Erdöldiplomat legte ein Bein auf seinen Schreibtisch und seufzte.
„Was kann ich für Sie tun?”, fragte er. „Möchten Sie Öl kaufen? Jetzt ist eine gute Zeit um vor dem Preisanstieg zu kaufen.“
Der Reporter murmelte: „Heute nicht – wann anders.”
„Sie möchten verkaufen, oder?! Jetzt ist eine gute Zeit nur ein paar Tausender zu verlieren bevor die Kurse noch weiter fallen.“
Der Reporter knöpfte seine Taschen zu und sagte:
„Was ist los? Ich habe heute einen Ölhändler gesehen der mittags ein Bier getrunken hat.“
„Ja, das scheint nun häufiger vorzukommen. Wie ich bereits gesagt habe – die guten alten Zeiten sind vorbei. Es gab Zeiten an denen man bereits vor der Mittagszeit $1.000 verdienen konnte.“
„Um es im Anschluss wieder zu verlieren?”, wagte der Reporter zu fragen.
„Aber natürlich, und noch viel mehr. Wahrscheinlich die spannendste Zeit in der Geschichte des Ölhandels aus einem spekulativen Blickwinkel.“, setzte der Händler als Antwort fort, „war während des Abstiegs von 1876 und während des Jahres 1877. Zu dieser Zeit war ein Verkauf von 100.000 Barrel in einer Einheit, noch unbekannt. Zwanzigtausend war eine große Menge und hat einen spürbaren Einfluss auf den Markt. Während des Sommers von 1876 lag der Ölpreis zwischen $2 und $3 pro Barrel. Die Produktion lies langsam nach, während die Nachfrage hier und in Europa deutlich anstieg. Es stellte sich die Frage, wie man dieses Problem am besten beheben kann. Gerade auch, weil viele der Meinung waren, dass die Tage der Ölproduktion gezählt und eindeutig ausgeschöpft waren. Unter solchen Bedingungen sind die Preise meist beständig und der jenige der von Fünf-Dollar-Öl sprach, war hoch angesehen. Währenddessen hielt die Standard Oil Company, die das gesamte Raffinationsgewerbe kontrollierte, ihren Warenwert bei 15 Cents pro Gallone.“
„Das war der Stand der Dinge am 26. August 1876, als die Neuigkeiten von New York bis Oil City wie eine Bombe einschlugen, dass raffiniertes Öl auf 26 Cents gestiegen ist. Es war wie ein Bombeinschlag an der Börse. Jeder am Haussemarkt war der Meinung, dass der erwartete Anstieg eingetreten war und undurchdachterweise wollten alle soviel davon abhaben wie sie nur konnten. Inmitten der größten Aufregung stieg der Kurs an diesem Tag von 329 auf 372,5 pro Barrel, das ist ein Anstieg von $525 je 1.000 Barrel. Diese Art von Verdopplung ist das was zählt. Bei diesem Tempo ist es einfach Gewinne zu machen. Es war an diesem Tag, als Dan Goettel, „Jimmy“ Lowe, M.K. Bettis und viele andere junge Spekulanten und Broker den Grundstein ihres großen Vermögens legten. Goettel wurde bekannter in Cleveland als der alte Rockefeller. Sie nannten ihn auch „Johannes der Täufer“ und man sagte von ihm, dass er schneller Geld verdienen konnte als dass es Johnny Steele ausgeben könnte. Er hat sein Geld verdient. Viele andere noch nicht.“
„Haben Sie Ihres bereits erhalten?” fragte der Reporter im Vertrauen.
„Es gibt da übrigens eine nette Geschichte über „Jimmy“ Lowe“, antwortete der Ölhändler mit einem Lächeln auf dem Gesicht. „Er war einer der beliebtesten Männer der Ölwelt. Er war ein raffinierter, kühner Spekulant und der mutigste in seinem Kreis. Er war jedoch ein absoluter Feigling wenn es um zwei Dinge ging – Einbrecher und Blitze.“
„Er lebte in ständiger Angst vor diesen und ganz so wie die Frauen die jahrelang immer unter ihr Bett schauen in der Befürchtung dort jemanden zu finden, waren seine Ängste jedoch begründet. Jimmy und ein Freund, beide hervorragende Telegrafisten, teilten sich ein Zimmer über einer Bank, und in einer Nacht wurde Jimmy von einem Geräusch geweckt. Er öffnete seine Augen und sah einen Mann wie er in der Nähe des Fensters seine Hosen durchwühlte. Jimmys Ängste wurden wahr. Es war ein Einbrecher. Jimmy stand der Schweiß auf der Stirn. Er versuchte so still wie möglich zu liegen, die Qual war jedoch fast unerträglich. Seine größte Angst war, dass sein Freund aufwachen würde. Denn er wusste das würde nicht gut ausgehen. Er überlegte wie er ihn warnen könnte. Da kam ihm eine Idee.“
„Er tastete vorsichtig unter der Decke nach dem Bein seines Zimmergenossen, auf dem er einen kurzen telegrafischen Kode durchgab und ihm befahl sich nicht zu bewegen. Sein Freund wurde sofort wach und Jimmy telegrafierte ihm mit seiner neuartigen Erfindung, dass ein Einbrecher im Zimmer sei, und warnte ihn sich still zu verhalten. Da sein Freund mindestens genauso viel Angst hatte wie Jimmy, nahm er die Situation an und die Ruhe wurde nur von dem Dieb gestört, der in seine Arbeit vertieft war. Er verließ das Zimmer schließlich mit $300 in der Tasche und die Telegrafisten atmeten erleichtert auf.“
„Wie bereits gesagt, brach das Haussierfieber aus“, sprach der Händler weiter, „Fremdkapital wurde in Öl investiert und Aufträge zum Kauf kamen aus allen Teilen der Welt. Im Dezember desselben Jahres erreichte der Markt $4,23 – das Fieber war nicht gesunken. Man traute sich kaum die Verkaufspreise zu mutmaßen. Oil City war eine brodelnde Stadt damals. Die Stadt war ihrem Namen gerecht geworden. Das Öl floß und brodelte über. Jeder beobachtete den Markt. Die Kaufleute verließen ihre Geschäfte, Ärzte, Anwälte und Mechaniker hingen ihren Beruf an den Nagel um sich an der Börse zu begnügen. Jede Nacht konnte man im Collins House dem führenden Hotel, Gruppen stark aufgeregter Männer finden, die mit blassen Gesichtern, nervös und mit Eifer erfüllt die Zukunft des Marktes diskutierten und den Beginn der nächsten Börsensitzung kaum erwarten konnten. Viele fanden am Pokertisch Ablenkung von der starken Anspannung; nachdem Sie den ganzen Tag mit Öl ihr Glück versucht hatten, spielten viele die Nacht hindurch Poker. Oil City erfuhr einen gewaltigen „Aufschwung“. Männer aus den östlichen Ländern kamen, verdienten ein Vermögen und blieben um das Geld wieder auszugeben. Wunderschöne Häuser wurden gebaut, Straßen wurden gepflastert und erweitert, die Kanalisation wurde verbessert, angeschlagenen Kirchen wurde auf die Beine geholfen, Schulgebäude wurden erbaut. Die Stadt, die eigentlich nur wenig wohlhabend war, blühte auf und gewann an Wichtigkeit“
„Es war wunderbar. Das Geld das in diesem alten Zimmer damals gemacht wurde.“, fügte der Händler grübelnd hinzu. „Und das alles geschah bevor die neue Börse erbaut wurde. Viele Telegraf-Spekulaten, die mit $75 pro Monat abgespeist wurden, verabschiedeten sich in diesem Winter von „Blitzschlinge“ und begannen Ihre Arbeit mit einem guten Lohn am Haussemarkt.“
„Wie man sieht hatten diese Spekulanten besondere Vorteile. Zu diesem Zeitpunkt war die Börse in einem großen Büro im Erdgeschoss des Collins House Hotels. Im selben Zimmer befanden sich auf jeder Seite die entsprechenden Büros der Western Union und der alten Atlantic und Pacific Telegraph Unternehmen. Ein kleiner Schalter versorgte die jeweiligen Büros mit den notwendigen Instrumenten. Das beständige Klick, Klick – Geräusch wurde halbwegs vom Tumult des Schauplatzes im Zentrum des Raumes übertönt. Für einen Experten war es jedoch einfach genug, sich über den Tresen zulehnen und die Nachrichten zu lesen die über die Drähte hereinkamen und da die Käufe und Verkäufe großer Mengen immer einen Einfluss auf den Markt hatten, war es deutlich von Vorteil diese zu sehen, bevor sie niedergeschrieben wurden und an das Börsenparkett weitergegeben wurden. Zur Verdeutlichung: Einer dieser Telegrafisten, den ich nun Johnny nennen werde, da dies nicht sein Name war, hörte eine Nachricht an Dan Goettel. Es ging um 30.000 Barrel, damals ein großer Auftrag. Johnny klopfte einem Broker auf die Schulter.“
„Kauf mir schnell eintausend“, sagte er.
„Dreißig Sekunden später hatte der Broker einen Kauf von 11.000 Barrel Öl verbucht. Er eilte zum Telegrafist zurück.
„Ich hab sie Johnny“, sagte er, „eintausend für dich und zehntausend für mich. Was gibt es Neues?“
„Ein Großeinkauf“, erklärte Johnny und in diesem Augenblick, schrie Goettel nach seinem Öl. Dies war der Anstoß für einen starken Aufschwung des Marktes und Johnny verkaufte wenige Tage später mit einem Gewinn von 80 Cent. Er machte $800 Gewinn und der Broker der so schnell reagiert hat, machte $8000 Gewinn. Und das ist nur eine von vielen ähnlichen Situationen.“
„Wurden die Nachrichten nicht verschlüsselt?” fragte der Reporter.
„Zum Teil, aber nicht so wie heutzutage. Heutzutage sind die Verschlüsselungsverfahren an der Börse nicht zu durchschauen und einige sind mehr als komplex.“
„Was brachte die Kurse zum fallen?”,fragte der Reporter mit der Vorahnung, dass der Ölhändler abschweift.
„Edelmetalle“, antwortete der Broker lakonisch. „Ja“, setzte er nach einer kurzen Pause fort, „all diese Zeit in der die wilde Spekulation weitverbreitet war und man dachte die Versorgung sei ausgeschöpft und die Preise der Zukunft ins unermessliche stiege – all diese Zeit wurde 20 Meilen unterhalb von Oil City, in den Tiefen eine Waldes in Pennsylvania stetig in die Eingeweide der Erde gebohrt. Eines Tages erreichte ein Bohrer sein Ziel und in wenigen Stunden wusste die Ölwelt über die „Big Indian“-Quelle Bescheid, die 3.000 Barrel pro Tag lieferte. Das war ein Schlag ins Gesicht für den Handel. Der Markt konnte einem solchen Schlag nicht Stand halten, und das war nur der Erste. Die gespürte Sicherheit verflog und von den Haussieren war kein Ton mehr zu hören. Die Kurse fielen ohne merkliche Reaktion, so wie die Temperaturen im Dezember. Mitte Juni und nach diesem unvergesslichen Winter, verkaufte sich Öl für $1,64 und einige von uns hatten das Gefühl, dass dies erst der Anfang sei.“
„Einige europäische Händler haben daraus sogar profitiert. Die meisten großen Edelmetall-Quellen kamen zu einem späten Zeitpunkt des Tages, nach Börsenschluss herein. Die Neuigkeiten waren also bis zum nächsten Morgen unbedeutend. Europa ist jedoch fünf Stunden vor unserer Zeit. Von daher hatten die Europäer mit ihrem Alltagsgeschäft bereits begonnen, während die Oil City Broker gerade erst die Morgenzeitung beim Frühstück lasen. Einige Unternehmen in Europa hatten Agenten in Oil City, an die hereinkommende Nachrichten direkt übertragen wurden, während die meisten Händler erst nach Öffnung der amerikanischen Börsen die ersten Börsenkurse erhielten. Dieser Zeit- und Informationsvorsprung war natürlich sehr wichtig und resultierte oftmals in enormen Gewinnen – meist für zwei oder drei Herrschaften aus London.“
„Sie müssen mich jedoch jetzt entschuldigen“, sagte der Händler der Beaver-Straße, “es ist nun Zeit für meine Mittagspause. Geschäft ist Geschäft, wie Sie wissen.“
„Aber natürlich“,antwortete der Reporter, „nur noch eine Frage. Welche Qualifikationen benötigt man um ein erfolgreicher Broker zu werden?“
„Man benötigt nur zwei.“
„Nur zwei?”
„Ja, ein gesundes Vermögen bei der Bank und eine Stimme wie ein Nebelhorn.“
